Seit mehreren Monaten arbeiten wir an der Monographie des Malers Paul Gebauer (1888-1951), eines aus Zossen gebürtigen deutsch sprechenden Malers aus Schlesien. Seine Arbeit ist gut in zwei schlesischen öffentlichen Sammlungen erhalten und so kann man an die Bände Erwin Müller und Mary Duras anknüpfen. Sein Schaffen war durch postimpressionistische und expressionistische Vorbilder beeinflusst, bis es schliesslich in der Art der Neuen Sachlichkeit sein Höhepunkt fand. Das Buch wird deutsch-tschechisch erscheinen, der Herausgeber ist das Denkmalpflegeamt.





Obwohl die Neue Sachlichkeit zumindest in den vergangenen drei Jahrzehnten im europäisch-amerikanischen Raum detailliert untersucht worden ist, hat es bisher keinen Versuch gegeben, entsprechend orientierte Werke in der tschechoslowakischen Kunstszene zu identifizieren und zu bearbeiten – einschließlich der Verbindungen zur Fotografie und einer Einordung in breitere Zusammenhänge. Der Grund für diese Ignoranz dürfte in dem Stigma zu sehen sein, das noch aus der Zeit der Totalität an diesen Realismen haftet. Daher ist das künstlerische Schaffen auf dem Feld der neuen Realismen in der Tschechoslowakei nur punktuell, ohne tiefere Verknüpfungen in den Kontext der europäischen Kunst eingeordnet worden, obwohl es sich um einen qualitativ durchaus vergleichbaren Werkbestand handelt.

Im Blickpunkt stehenhier neben den Werken der deutschsprachigen Künstler und Künstlerinnen aus Böhmen, Mähren, Schlesien und der Slowakei auch die progressiven Realismen der Zwischenkriegszeit, die von ihren tschechischen und slowakischen Kollegen vertreten wurden. Berücksichtigt werden von Region und Nationalität geprägte Besonderheiten, wobei eine kritische Abgrenzung der analysierten Werke entscheidend ist. Die Untersuchung konzentriert sich vor allem auf Arbeiten, die im Bereich der traditionellen Medien und der Fotografie entstanden sind; dem letztgenannten Medium fiel bei der Akzeptanz der modernen Visualität durch die breite Öffentlichkeit eine Schlüsselrolle zu.

Neue Sachlichkeit ist ein breiter Dachbegriff, der aus dem deutschen Umfeld stammt. Für die parallel entstehenden neuen Realismen in der Tschechoslowakei wird er nicht allgemein verwendet, da an diesem Begriff das Stigma des germanischen Einflusses auf die tschechische bildende Kunst und Kultur klebt.Daher arbeiten wir mit dem Begriff Neue Realismen, da dieser alle Verständnisnuancen der inhaltlichen und formalen Kennzeichen der Zwischenkriegsrealismen enthält, d. h. den rechten (Neoklassizismus) wie den linken Flügel (Verismus), wie sie Franz Roh 1925 in seinem bahnbrechenden theoretischen Werk Nach-Expressionismus mit dem Untertitel Magischer Realismus – Probleme der neuesten europäischen Malerei definiert hatte; in diesen breiteren Rahmen bezog Roh nicht zufällig mit Georg Kars, Alfred Justitz und Rudolf Kremlička auch Vertreter der Tschechoslowakei ein. Dabei ist der Begriff Neue Realismen nicht neu. Seinen Vorrang gegenüber der Neuen Sachlichkeit verteidigte 1927 etwa der aus Prag stammende Ästhetiker und Kunsttheoretiker Emil Utitz. Eine diesbezügliche Präferenz zeigte auch der französische Kunsthistoriker Jean Clair bei der Konzipierung der großen internationalen Ausstellung Les Réalismes 1919–1939, die 1980 im Pariser Centre Georges Pompidou stattfand.

Ausdrucksformen der Neuen Sachlichkeit als deutsches Phänomen wurden in der Tschechoslowakei überwiegend in einen Kontext mit deutschsprachigen Künstlern und Künstlerinnen gestellt, die nicht selten in den Grenzregionen, an der territorialen Peripherie des neu entstandenen Staates tätig waren. Anhand der bisherigen Forschungen zu dieser Problematik in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit wird deutlich, dass eine Orientierung auf die deutsche Neue Sachlichkeit im Werk der Künstler aus Böhmen, Mähren und Schlesien nachweislich existierte. Dazu zuletzt Anna Habánová im Kapitel „Die Neue Sachlichkeit“ des Projektbandes Junge Löwen im Käfig. Impulse der Neuen Sachlichkeit lassen sich auch bei tschechischen Malern verfolgen, z. B. im Frühwerk von František Muzika, bei den Malern der Vereinigung Sociálnískupina (Ho–Ho–Ko–Ko), František Foltýn, den Malerinnen Milada Marešová und Vlasta Vostřebalová-Fischerová, SvatoplukMáchal, Alfred Justitz u. a. Das Spektrum der modernen Realismen in der Tschechoslowakei ist allerdings wesentlich breiter und wurde bisher noch nicht tiefgehend analysiert. Offen bleibt zum Beispiel die Frage nach Parallelen zwischen der italienischen metaphysischen Malerei und dem magischen Realismus, die Inspiration durch die Bewegung Novecento oder den Kreis um die Zeitschrift Valoriplastici, die auch vermittelt über die deutsche Kunst erfolgt sein könnte. Relativeren lässt sich in gewisser Weise auch der Gegensatz zu den zeitgleich auftretenden Richtungen des Poetismus, des Konstruktivismus und der Abstraktion; dies gilt vor allem im Hinblick auf die nicht-mimetischen Prinzipien, die das Hauptkennzeichen der damaligen Modernität bildeten.

Die Fotografie (und deren Verwendung im Design und in anderen Bereichen der Massenkultur) nimmt im Kontext der Neuen Sachlichkeit eine besondere Stellung ein. Nach dem Ersten Weltkrieg verkörperte die Fotografie (allgemeiner gesagt das technische Bild), die als Materialisierung der sich wandelnden Ideen der neuen Gesellschaft verstanden werden darf, einen neuen Typ des klaren, mitteilsamen, demokratischen Bildes. Nach diesem riefen zahlreiche Vertreter verschiedenster Avantgarde-Richtungen, die sich gegenüber den traditionellen Darstellungsmodellen abgrenzen wollten. Als Schlüsselmoment für die moderne Auffassung der Fotografie gilt die Stuttgarter Ausstellung Film und Foto von 1929, auf der die ganze Bandbreite der von der zeitgenössischen Fotografie vertretenen Ansätze gezeigt wurde und die deren weitere Ausrichtung erheblich beeinflusste. Auf dem Gebiet der Tschechoslowakei waren die Diskussionen um den Charakter des fotografischen Bildes von Bedeutung, die Ende der 1920er Jahre auf den Seiten der Zeitschrift Fotografickýobzorgeführt wurden; ihr Hauptthema waren die Schärfe und die Bearbeitung des Positivs in der Postproduktion. Zugleich wurde die Stuttgarter Ausstellung reflektiert – vor allem auf Initiative Alexander Hackenschmieds, der nach ihrem Vorbild eine kleinere Ausstellung der einheimischen Fotografie im Prager Aventinum organsierte.

In der heutigen Literatur wird für einen bestimmten Typ der Fotografie der Begriff Neue Sachlichkeit verwendet (Josef Sudek – Reklamefotografie, Jaromír Funke – Arbeiten aus Kolín, Jaroslav Rössler – Bilderserien aus den 1930er Jahren, Eugen Wiškovský – Gesamtwerk), jedoch geschieht dies ohne genauere Analyse des eigentlichen Begriffs und seiner Relevanz für die Nutzung in diesem Kontext. Eigenständig wurde die Beziehung zwischen Neuer Sachlichkeit und Fotografie in der Tschechoslowakei bisher nicht untersucht, am Rande angesprochen haben sie einige Diplomarbeiten. Forschungsgegenstand im Kontext dieses Projekts ist die Reflexion der Neuen Sachlichkeit im tschechischen und im deutschböhmischen Umfeld (nicht nur im Milieu der professionellen Fotografen, sondern auch in den Amateurvereinen, wo besonders die Mitglieder der deutschsprachigen Klubs gute Verbindungen zum Geschehen in Deutschland hatten); untersucht wird auch die Frage, in welchem Maß dieser Begriff für die Fotografie verwendet werden kann und wie sich das Verhältnis zur Neuen Sachlichkeit im Kontext aller bildnerischen Medien beurteilen lässt.

Im Hinblick auf die Terminologie werden die Begriffe Neue Sachlichkeit, magischer Realismus, imaginative Kunst, metaphysische Malerei, Neoklassizismus, Verismus, soziale Kunst, Zivilismus und Primitivismus analysiert. Dabei soll an bereits durchgeführte Forschungen angeknüpft werden, um Kenntnis und Interpretation des Themas dank der eigenen Forschungsergebnisse zu den deutschsprachigen Künstlern und Künstlerinnen und unter Berücksichtigung der neuesten tschechischen Forschungen weiter zu vertiefen. Wenn in Europa Forscherteams partielle, territorial definierte Projekte zum Thema Neue Sachlichkeit bearbeiten, muss notwendigerweise auch die Situation im Zentrum Europas so erfasst werden, dass diese Forschung künftig die Rolle der tschechoslowakischen Kunstszene, die ihren Höhepunkt zwischen 1933–1938 in einer freien und offenen pluralistischen Annäherung an die Sichtweisen der bildenden Kunst fand, adäquat beurteilen kann. Zugleich wurde damals aber auch im Kreis der Deutschböhmen das Feld für einen Hitler positiv gegenüberstehenden, in Propaganda mündenden Naturalismus bereitet.

In diesem Projekt geht es nicht um eine imaginäre Konfrontation der tschechischen und der deutschsprachigen Kunstszene in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit auf formaler Basis anhand des durch die Projektrichtung definierten Werkbestands. Die durchgeführte Forschung ist vielmehr bemüht, die traditionelle, im Hinblick auf Form, Nationalität und Gender nicht selten fortbestehende einseitige Wahrnehmung der Modernität in der Kunstgeschichte der Zwischenkriegs-Tschechoslowakei zu ergänzen und teilweise auch zu revozieren. Diese Sichtweise stützt sich bisher vor allem auf die tschechische Moderne, die den Nationalstil des neu entstehenden Staates kodifizierte, und auf die französisch orientierte Avantgarde. Unberücksichtigt lässt sie dabei die sich parallel entwickelnden progressiven realistischen Tendenzen, die nach dem Ausklingen des Expressionismus die Bühne betraten und häufig mit der deutschsprachigen Kunstszene verknüpft waren.

© Ivo Habán, 2017

Erika Streit (1910–2011)
Autoportrét v červené blůze, 1934
olej na dřevěné desce, 108,5 × 59,0 cm
soukromá sbírka
Č De Eng

Neue Realismen
in der tschecho-
slowakischen Kunstszene
1918–1945

Das Projekt beschäftigt sich mit der Definition und Interpretation jener künstlerischen Ausdrucksformen, die in der tschechoslowakischen Kunstszene der Jahre 1918–1945 mit den als Neue Sachlichkeit bezeichneten Phänomenen korrespondieren. Methodisch basiert es auf einer Revision der bisherigen Terminologie und einem Vergleich der im Hinblick auf den untersuchten Werkbestand vertretenen Forschungsansätze, die sich bei den einzelnen nationalen Schulen und Theoretikern unterscheiden. Erforscht werden Werke, die sich an den modernen deutschen Realismen der 1920er Jahre orientieren und die von der überwiegend frankophon ausgerichteten Kunstgeschichte in der Tschechoslowakei bis vor kurzem kaum berücksichtigt wurden.


Project New Realisms of the Visual Art Scene in Czechoslovakia 1918–1945 is realized with the support of The Czech Science Foundation (17-06031S). The main applicant is National Heritage Institute, Regional Department Liberec (Mgr. Ivo Habán, Ph.D.), in cooperation with Masaryk University (doc. PhDr. Alena Pomajzlová, Ph.D., Mgr. Helena Musilová) and Technical University of Liberec (Anna Habánová, M.A., Ph.D., Prof. Keith Holz, PhD.).


Kontakt: haban.ivo@npu.cz